Fachkräftemangel

28.01.2018 09:26

Bericht zur Fachveranstaltung am 18.01.2018 in Berlin: „Vergütete Ausbildungsformen für Erzieher/innen in Zeiten des Fachkräftemangels“
Veranstalter: Koordinationsstelle Chance Quereinstieg & Koordinationsstelle Männer in Kitas

In der Hauptsache behandelten die geladenen FachreferentInnen das Ausbildungsmodell Praxis integrierte Ausbildung (PiA). Dr. Dohmen (www.fibs.eu) sorgte für die sozioökononische Verortung des Themas Fachkräfte(mangel). Innerhalb der nächsten 8 Jahre werden bundesweit zusätzliche 600.000 Fachkräfte in den Kitas benötigt (bis dahin steigen die Kinderzahlen, während gleichzeitig eine Generation ErzieherInnen in den Ruhestand geht). Mit den gegenwärtigen Fachschulkapazitäten können lediglich 275.000 SchülerInnen ausgebildet werden. Aus diesem Grund wird der Ausbildung für QuereinsteigerInnen, Menschen mit anderen Berufen oder bereits Tätige im sozialen Bereich, die keine einschlägige Ausbildung haben, ein hoher (Hoffnungs-)Stellenwert zugeschrieben. Zahlreiche der 16 Bundesländer bieten aktuell eine PiA an, doch sind die Bedingungen höchst unterschiedlich. Das Niveau der Ausbildung bewegt sich zwischen dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) 4 und 6. Die „Ausbildungsvergütung“ in den 3 Schuljahren (manche sprechen auch von Studienjahren) schwankt zwischen 650 und 1100 €. Die Anrechnung auf den Personalschlüssel ist ebenso uneinheitlich und liegt überwiegend zwischen 40 und 100 %. In Berlin beispielsweise erfolgt eine Anrechnung zu 100 %, allerdings erhalten die PiAs in der Regel lediglich eine Anstellung für die 3 Praxistage, was einer Anrechnung zu 50-60 % gleich kommt. Die Träger stellen dann für die verbleibenden 2 Tage Komplementärkräfte ein, um eine Abdeckung für 5 Tage zu erreichen.
In der Diskussion wird deutlich, dass eine durchschnittliche Vergütung von 900 € den SchülerInnen, die - weil älter – oft auch schon Familie haben, nicht ausreicht. Weiterhin ist es auf Dauer nicht vermittelbar, weshalb eine PiA bezahlt wird, während eine vollschulische Ausbildung an der Fachschule ohne Lohn ist. Als Zukunftsstrategie entsteht: beide Ausbildungswege müssen eine Finanzierung/Vergütung  erhalten; der Beruf der ErzieherIn muss attraktiver werden (höhere Verdienste, höhere Anerkennung).

Die ExpertInnen werden abschließend um eine Sammlung der Vor- und Nachteile der PiA gebeten.
Vorteile:

  • PiA ist aus gleichstellungspolitischer Sicht attraktiv: höherer Männeranteil.
  • Bereits während der Ausbildungszeit wird in die Rentenversicherung eingezahlt.
  • Mittlere Altersgruppen mit Lebenserfahrung kommen in die Praxis.
  • Durch vorherige Ausbildungen bzw. berufliche Tätigkeiten kommt mehr Lebensweltorientierung in die Einrichtungen.


Nachteile:

  • Die PiA könnte zu einseitig auf den Elementarbereich ausgerichtet werden.
  • (geteilte Meinung:) die PiA muss sich vom dualen System abgrenzen, sonst könnte eine Abstufung auf das Erstausbildungsniveau die Folge sein.
  • Die Höhe des Einsatzes der Anleitung ist bislang unzureichend geklärt; Berlin setzt durchschnittlich 2 Wochenstunden an, was von anderen als zu wenig eingeschätzt wird
    Erfahrungsberichte zeigen, dass selbst diese 2 Stunden bei der PiA nicht ankommen.
  • Was die PiAs im ersten Jahr nicht leisten (können) muss von den anderen Fachkräften aufgefangen werden.
  • Für Teams können PiA Praxisplätze eine große Anstrengung sein (besonders anfangs).
  • Irritationen können entstehen, wenn lebenserfahrene PiAs von jüngeren Fachkräften angeleitet werden sollen.

Als weitere Herausforderung für die Praxis sehen die ExpertInnen die Umstellung der Lehrpläne auf Kompetenzorientierung an (siehe auch unser Artikel zu "Lernfeldunterricht"), wodurch sich die Anforderungen an die AnleiterInnen sehr verändern. Das Thema Anleitung stellt so gesehen hohe Anforderungen an den Kita-Träger, der seine Kompetenz, Personalentwicklung zu planen, steigern muss. Dazu zählt auch die Beobachtung, dass Teamprozesse angestoßen werden, die es (supervisorisch) zu begleiten gilt. Dies wird durch die kontinuierlichen schulischen Einflüsse (Impulse aus Theorie und Wissenschaft) während der Ausbildung auf die Praxis erklärt, was auch eine inhaltliche Schubwirkung entfalten kann. Dem Bundesministerium wird daher vorgeschlagen, Koordinierungsstellen für Ausbildung (und Qualität) zu schaffen, die den engen Austausch zwischen Schule und Praxis unterstützen sollen (siehe auch: Modellprojekt „Lernort Praxis“).

Anmerkung: In Pausengesprächen mit einzelnen ExpertInnen wird deutlich, dass die Rahmenbedingung für das Bremer Modellprojekt PiA bundesweit einmalig ist: 0 % Anrechnung auf den Personalschlüssel. Die Übernahme der Anleitungszeiten (-kosten) durch die Träger sei aus personalstrategischen Gründen (Fachkräftebindung) gerechtfertigt.

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